saeculum obscurum?
„Das ist ja wie im finstersten Mittelalter.“Das Mittelalter hat nicht den besten Ruf.
Immer wenn irgendetwas als hoffnungslos rückständig
bezeichnet werden soll, muss es als Vergleich
herhalten.
Die Humanisten des 16. Jahrhunderts waren es,
die den Begriff des Mittelalters prägten. Als
bedeutend betrachteten sie die antike Kultur,
deren Niedergang den Beginn des Mittelalters
markierte. Und natürlich schätzten sie die
Neuzeit, der sie selbst angehörten. Die gut 1 000
Jahre aber, die dazwischen lagen (500 bis 1500 nach Christus) – sie waren für
die Humanisten das „saeculum obscurum“, das
dunkle Zeitalter, kaum der Rede wert.
Diese Einschätzung änderte sich erst im 19.
Jahrhundert. Das Heilige Römische Reich deutscher
Nation war 1806 ruhmlos erloschen, doch
das Mittelalter hatte plötzlich viele Fans. So
groß war die Begeisterung, dass sie sich in vielen
Bauwerken niederschlug. Weshalb längst nicht
alles aus dem Mittelalter stammt, was auf den
ersten Blick danach aussieht. In Bayern ließ
König Ludwig II. Schloss Neuschwanstein „im
echten Stil der alten deutschen Ritterburgen“
erbauen – der menschenscheue Märchenkönig,
der 1886 im Starnberger See den Tod fand, schuf
damit eines der berühmtesten deutschen Touristenziele.
Linktipp: www.schms.de/geschichte/mittelalter.html
Man kann das Mittelalter grob in drei Epochen einteilen:
Mit der Reformation
wurde zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein
neues Zeitalter eingeläutet.
Dass die Gebildeten der frühen Neuzeit die
vergangenen Jahrhunderte als „saeculum obscurum“
schmähten, mag aus ihrer Warte verständlich
sein. Die Menschen des Mittelalters freilich
hätten diese Geringschätzung nicht verstanden.
Sie selbst nämlich betrachteten ihr Zeitalter als
die allen früheren Epochen überlegene „aetas
christiana“, das Zeitalter, das mit der Geburt
Christi begonnen hatte und mit dem jüngsten
Tag enden würde.
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Auch heute hat das „saeculum
obscurum“ viele Änhänger:
Wo immer „mittelalterliche
Handwerkermärkte“ oder „Turniere“ stattfinden, können
die Veranstalter mit einem großen
Publikumsandrang rechnen:
Ritterspiele mit
Burgfräuleins, Minnesängern,
Gauklern und Marktschreiern. Bei Waffengeklirr, Fanfarenklängen und buntem
Markttreiben ist von den „finsteren“ Seiten
des Mittelalters nicht viel zu spüren. Das kann
man von solchen Festen freilich ebenso wenig
verlangen, wie dass sie die geistigen, sozialen
und politischen Entwicklungen einer Epoche
beleuchten, die uns in vielen Bereichen fremd
geblieben ist.
Buch-Tipp
„Streifzüge ins Mittelalter. 50 Zeitreisen
in Baden-Württemberg“ heißt ein Buch von
Karin Gessler. Anhand lohnender Ausflugsziele
im Südwesten stellt die Historikerin
verschiedene Aspekte mittelalterlichen Lebens
vor. Dabei kommen nicht nur Burgen
und Klöster zu ihrem Recht, sondern auch
die Welt der Bauern und der Ackerbürger.
Außerdem führt Gessler ihre Leser zu
Schauplätzen des Handwerks und der
Zünfte, in Salz- und Silberbergwerke sowie
in ein Leprosenhaus. Es werden unter anderem Hohenbaden, die
Klöster Alpirsbach und Maulbronn sowie
die Wallfahrtskirche Maria Bickesheim vorgestellt.
Erschienen im Silberburg-Verlag, Euro 19,90 .